Einleitung
Emotionale Resilienz in einer sich wandelnden Umwelt

Lea Dohm ist Diplom-Psychologin, tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapeutin, Fachjournalistin und Mitgründerin der Psychologists for Future. In ihrer Arbeit beschäftigt sie sich insbesondere damit, wie Klimakrise und gesellschaftlicher Wandel unsere psychische Gesundheit beeinflussen und was Menschen hilft, auch unter schwierigen Bedingungen handlungsfähig zu bleiben. Sie arbeitet unter anderem bei der Deutschen Allianz Klimawandel und Gesundheit (KLUG) e. V. und ist Autorin mehrerer Fach- und Sachbücher.
In ihrem Online-Seminar „Mut zum Entdecken – Emotionale Resilienz für eine gesunde Entwicklung in einer sich wandelnden Umwelt“ zeigte Lea Dohm, wie sich Klimakrise und andere anhaltende Belastungen auf Kinder und Jugendliche auswirken können. Im Mittelpunkt standen der Umgang mit belastenden Gefühlen, Resilienz sowie die Frage, wie Zuversicht und Handlungsfähigkeit gestärkt werden können.
In unserem Format „Kurzinterviews mit Expert/-innen“ greifen wir zentrale Impulse aus dem Vortrag auf. Passend zu unserem aktuellen Thema „Entdecken“ richten wir dabei den Blick auf eine wichtige Voraussetzung für nachhaltiges Lernen: Kinder und Jugendliche sollen sich mit ihrer Umwelt und auch mit herausfordernden Zukunftsfragen auseinandersetzen können, ohne dabei ihre Zuversicht und Handlungsfähigkeit zu verlieren.
- Was können Erwachsene tun, damit belastende Gefühle rund um die Klimakrise Raum haben und zugleich Handlungsfähigkeit entsteht?
- Was bedeutet emotionale Resilienz im Zusammenhang mit der Klimakrise – und warum reicht es nicht aus, Kinder einfach „stärker“ oder anpassungsfähiger zu machen?
- Was können Lehrkräfte und Schulen konkret tun, damit Kinder trotz Unsicherheit Zuversicht, Selbstwirksamkeit und Handlungsfähigkeit erleben?
Belastende Gefühle ernst nehmen und Handlungsfähigkeit stärken
Warum Verantwortung heute ein zentrales Bildungsthema ist
Frage 1:
Frau Dohm, was können Erwachsene tun, damit belastende Gefühle rund um die Klimakrise Raum haben und zugleich Handlungsfähigkeit entsteht?
Antwort:
Viele Kinder und Jugendliche machen sich bereits Sorgen um ihre Zukunft – und diese Sorgen betreffen natürlich auch die Klimakrise. Als Erwachsene und Bezugspersonen merken wir das nicht zuverlässig weil wir es noch wenig gewohnt sind, im familiären Alltag oder in der Schule mit den Kindern über diese Gedanken und Gefühle zu sprechen. Es gibt wenig Raum für Gespräche dieser Art und viele Menschen vermeiden darüber hinaus, diese belastenden Themen überhaupt anzusprechen. Daher ist es auch im Sinne der psychischen Gesundheit umso wichtiger, dass wir zukünftig mehr und mehr Gelegenheiten schaffen, mit Kindern und Jugendlichen in den Austausch zu kommen und ihnen zugleich aber auch mehr Möglichkeiten echter Partizipation einzuräumen. Denn wir wissen aus der psychologischen Forschung, dass Sprechen allein unzureichend ist und Ängste sogar verstärken kann. Es sollte daher – egal in welchem Rahmen es stattfindet – möglichst konsequent mit wirksamen und gemeinschaftlichem Handeln ergänzt werden. Dieses Vorgehen gibt jungen Menschen Sicherheit und das Gefühl, den Herausforderungen unserer Zeit nicht hilflos ausgeliefert zu sein.
Resilienz mehrdimensional denken
Frage 2:
Was bedeutet emotionale Resilienz im Zusammenhang mit der Klimakrise – und warum reicht es nicht aus, Kinder einfach „stärker“ oder anpassungsfähiger zu machen?
Antwort:
Unser heutiger Resilienzbegriff ist sehr individuumszentriert. Das bedeutet, dass viele Menschen denken, dass sie sich bei Stress selbst etwas Gutes gönnen sollten, eine Pause, einen Urlaub, Entspannung oder ähnliches. Das ist auch nicht grundsätzlich falsch – aber es ist für das Erlangen von Resilienz unvollständig. Einfach formuliert: Wenn alle Menschen auf ihren Klimastress mit einem Entspannungsverfahren reagieren würden, würde die Krise ungehindert weiter voranschreiten, weil niemand etwas dagegen tut. Sich daran anzupassen wäre dann irgendwann gar nicht mehr möglich.
Die Resilienz von uns einzelnen ist immer abhängig von der Resilienz des Systems. Es ist daher wichtig, im eigenen Handeln auch die kollektive und transformatorische Resilienz gezielt zu fokussieren. Dafür können wir uns z.B. fragen: Wie gut ist meine Stadt, Region, Schule, mein Arbeitsplatz oder mein Sportverein auf die Klimakrise eingestellt? Wird in all diesen Gruppen und Gemeinschaften Klimaschutz und Klimaanpassung bereits umgesetzt? Falls nicht: Wie kann ich dazu beitragen, dass all diese Themen auch dort verankert werden?
Auf diese Weise schützen wir nicht nur uns selbst, sondern auch die Gemeinschaften, in denen wir leben. Und wir erhöhen unsere eigene Wirksamkeit beim Klimaschutz – was wiederum stressreduzierend wirkt. Wir können so bestenfalls ganz neu über uns hinaus wachsen.
Selbstwirksamkeit und Zuversicht im Schulalltag fördern
Frage 3:
Was können Lehrkräfte und Schulen konkret tun, damit Kinder trotz Unsicherheit Zuversicht, Selbstwirksamkeit und Handlungsfähigkeit erleben?
Antwort:
Lehrkräfte stehen heute vor der Herausforderung, Klimathemen konsequent in den Unterrichtsalltag aller Fächer einzubinden und den Schülerinnen zudem über den klassischen Unterricht hinaus kollektive Wirksamkeitserfahrungen zu ermöglichen. Das kann z.B. bedeuten, dass ein Werte und Normen Kurs Kontakt zum lokalen Klimamanagement aufnimmt und dort ein gemeinsames, werteorientiertes Projekt umsetzt. Oder dass für den Politikunterricht lokale Entscheidungsträgerinnen zur Diskussion mit Schülerinnen eingeladen werden. Auch im naturwissenschaftlichen Unterricht gibt es viele Möglichkeiten, ökologische Themen zu fokussieren und handlungsorientiert umzusetzen. Die Kultusministerkonferenz hat ein solches Vorgehen für Schulen sowieso schon lange beschlossen und die Vorgabe gemacht, dass Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) fächerübergreifend umgesetzt werden soll. Dies sollte sich nun auch in der praktischen Unterrichtsgestaltung verstärkt abbilden. Es ist zudem wichtig, Kindern und Jugendlichen im Schulalltag echte Möglichkeiten von Partizipation einzuräumen, die dann auch im praktischen Handeln konsequent umgesetzt werden. Dies stärkt das Selbstwirksamkeitserleben der Schülerinnen, ihre Handlungsfähigkeit, psychische Gesundheit und ist zugleich demokratiestärkend.