Lebensmittel wertschätzen
Nachhaltiger Umgang mit Lebensmitteln
Viele Empfehlungen sind gar nicht neu
Wer heute Empfehlungen für einen nachhaltigen Umgang mit Lebensmitteln liest, stößt immer wieder auf ähnliche Hinweise: Lebensmittel möglichst vollständig verwerten, Einkäufe planen, saisonal einkaufen oder Vorräte sinnvoll nutzen. Das Überraschende daran: Vieles davon ist gar keine neue Idee.
Über Generationen hinweg gehörten diese Dinge ganz selbstverständlich zum Alltag. Nicht, weil Nachhaltigkeit damals ein Thema war, sondern weil Lebensmittel einen anderen Stellenwert hatten. Sie waren stärker an Jahreszeiten gebunden, häufig mit eigener Arbeit verbunden und längst nicht jederzeit und unbegrenzt verfügbar.
Erst im Laufe des 20. Jahrhunderts veränderten sich unser Ernährungssystem und damit auch unser Alltag grundlegend. Supermärkte, Kühltechnik, globale Lieferketten und ein ständig verfügbares Lebensmittelangebot erleichterten vieles – ließen aber auch viele nützliche Alltagskompetenzen nach und nach in Vergessenheit geraten.
Heute findet eine zunehmende Rückbesinnung auf frühere Gepflogenheiten statt. Nicht als Rückkehr in die Vergangenheit, sondern weil sich zeigt, dass viele alte Alltagsgewohnheiten überraschend gut zu den Herausforderungen unserer Zeit passen. Welche das sind, warum sie in Vergessenheit geraten sind und was wir heute wieder von ihnen übernehmen können, zeigt dieser Beitrag.
Lebensmittel wurden möglichst vollständig genutzt
So war es früher
Trockenes Brot war früher definitiv kein Fall für den Mülleimer. Vielmehr entstanden daraus Semmelknödel, Arme Ritter oder Paniermehl. Aus Gemüseresten wurden Suppen gekocht, Knochen lieferten die Grundlage für Brühen und übrig gebliebene Kartoffeln fanden am nächsten Tag ihren Weg in neue Gerichte. Was heute als „Resteküche“ bezeichnet wird, war früher ganz gewöhnlicher Küchenstandard.
Was hat sich verändert?
Mit wachsendem Wohlstand wurden Lebensmittel günstiger und jederzeit verfügbar. Gleichzeitig hielten Fertigprodukte Einzug in die Küchen. Viele traditionelle Rezepte zur Resteverwertung verschwanden nach und nach aus dem Familienalltag – nicht, weil sie schlechter waren, sondern weil sie immer seltener gebraucht wurden.
Wo stehen wir heute?
Heute entstehen mehr als die Hälfte aller Lebensmittelabfälle in privaten Haushalten. Daher empfehlen Fachleute wieder, Lebensmittel möglichst vollständig zu nutzen und Reste kreativ weiterzuverarbeiten. Denn jedes weggeworfene Lebensmittel steht auch für verschwendete Ressourcen wie Wasser, Energie und Anbaufläche.
Was können wir für heute übernehmen?
Schon kleine Gewohnheiten helfen dabei, Lebensmittel wertzuschätzen:
- Trockenes Brot weiterverwenden, zum Beispiel als Paniermehl, Croutons oder für Semmelknödel.
- Gemüsereste kreativ verwerten, etwa für Brühen, Suppen oder Ofengemüse.
- Reste von Mahlzeiten bewusst einplanen, statt sie im Kühlschrank zu vergessen – zum Beispiel für das Mittag- oder Abendessen am nächsten Tag.
- Einen festen „Restetag“ in der Woche einführen, an dem geöffnete Lebensmittel und übrig gebliebene Speisen verarbeitet werden.
Lebensmittel kamen nicht selbstverständlich aus dem Supermarkt
So war es früher
Gemüse kam häufig aus dem eigenen Garten, Kräuter wurden getrocknet und Obst von den eigenen Bäumen geerntet oder eingekocht. Milch holte man beim Bauern, Eier kamen vom Hühnerhof und vieles wurde auf dem Wochenmarkt gekauft. Der Einkauf war enger mit der eigenen Region und den Jahreszeiten verbunden als heute.
Was hat sich verändert?
Mit Supermärkten, Selbstbedienung und globalen Lieferketten änderte sich die Lebensmittelversorgung grundlegend. Heute stehen nahezu alle Lebensmittel unabhängig von Jahreszeit oder Herkunft jederzeit zur Verfügung. Der Weg vom Feld auf den Teller ist dadurch häufig kaum noch nachvollziehbar.
Wo stehen wir heute?
Lebensmittel waren noch nie in solcher Auswahl und Menge verfügbar wie heute. Inzwischen wünschen sich aber viele Menschen wieder mehr Transparenz darüber, wo ihre Lebensmittel herkommen und unter welchen Bedingungen sie erzeugt wurden. Ein bewusster Einkauf kann dabei helfen, Lebensmittel wieder stärker wertzuschätzen.
Was können wir für heute übernehmen?
Es muss ja nicht gleich der eigene Gemüsegarten sein. Schon kleine Veränderungen helfen dabei, den Bezug zu unseren Lebensmitteln wieder bewusster wahrzunehmen:
- Saisonale und regionale Lebensmittel bevorzugen und dabei entdecken, was gerade vor Ort wächst.
- Wochenmärkte, Hofläden oder Direktvermarkter besuchen und mit den Erzeugerinnen und Erzeugern ins Gespräch kommen.
- Kräuter, Tomaten oder Erdbeeren selbst anbauen – schon ein Balkonkasten oder ein Topf auf der Fensterbank zeigt Kindern, wie viel Zeit und Pflege in einem Lebensmittel steckt.
- Kinder beim Einkauf einbeziehen und gemeinsam überlegen, woher Obst, Gemüse oder Milch eigentlich kommen.
Jahreszeiten bestimmen den Speiseplan
So war es früher
Erdbeeren im Dezember? Das wäre früher kaum vorstellbar gewesen. Erdbeeren gab es im Frühsommer, Äpfel im Herbst und Kohl im Winter. Gegessen wurde überwiegend das, was gerade geerntet werden konnte oder aus der Vorratshaltung stammte. Der Speiseplan richtete sich ganz selbstverständlich nach den Jahreszeiten.
Was hat sich verändert?
Internationale Handelswege, moderne Kühlketten und der Anbau in Gewächshäusern sorgen heute dafür, dass viele Obst- und Gemüsesorten das ganze Jahr über erhältlich sind. Dadurch ist das saisonale Angebot beim Einkauf oft kaum noch erkennbar. Erdbeeren im Winter oder Spargel im Herbst sind heute ganz selbstverständlich.
Wo stehen wir heute?
Saisonale und regionale Lebensmittel werden dieser Tage wieder verstärkt empfohlen. Sie sind frisch, benötigen oft weniger Energie für Lagerung und Transport und stammen von regionalen Erzeugern. Außerdem bringt saisonales Obst und Gemüse mehr Abwechslung auf den Speiseplan und lässt uns die Jahreszeiten wieder bewusster erleben.
Was können wir für heute übernehmen?
Wer sich häufiger an den Jahreszeiten und regionalen Angeboten orientiert, entdeckt die Vielfalt heimischer Obst- und Gemüsesorten ganz neu. Dabei hilft:
- Regionale Produkte bevorzugen, wenn sie Saison haben.
- Neue saisonale Rezepte ausprobieren und die Vielfalt der Jahreszeiten bewusst genießen.
- Kinder beim Einkauf mitentscheiden lassen, welches Obst oder Gemüse gerade Saison hat und warum.
- Einen Saisonkalender in der Küche aufhängen oder gemeinsam mit den Kindern entdecken, welches Obst und Gemüse gerade wächst.

Vorratshaltung gehörte zum Alltag
So war es früher
Nach der Ernte begann man mit dem Bevorraten für den Winter. Kartoffeln und Äpfel wurden im Vorratskeller eingelagert, Obst eingekocht, Kräuter getrocknet und Gemüse fermentiert. So blieben viele Lebensmittel weit über die Erntezeit hinaus verfügbar. Wer Lebensmittel über längere Zeit lagerte, lernte auch, ihre Qualität richtig einzuschätzen. Ob etwas noch genießbar war, beurteilte man meist anhand von Aussehen, Geruch und – wenn es unbedenklich war – einer vorsichtigen Geschmacksprobe.
Was hat sich verändert?
Mit Kühlschrank, Gefriertruhe und einem ganzjährig verfügbaren Lebensmittelangebot wurde Vorratshaltung im Alltag immer weniger wichtig. Gleichzeitig geriet viel Wissen in Vergessenheit, wie Lebensmittel richtig gelagert oder haltbar gemacht werden können.
Wo stehen wir heute?
Viele Lebensmittel werden heute entsorgt, obwohl sie noch genießbar wären. Fachleute empfehlen deshalb, Lebensmittel richtig zu lagern, Überschüsse haltbar zu machen und das Mindesthaltbarkeitsdatum richtig einzuordnen. Denn oft geben auch Aussehen, Geruch und Geschmack wertvolle Hinweise auf die Genießbarkeit.
Was können wir für heute übernehmen?
Niemand muss heute Obst einkochen oder einen Vorratskeller anlegen. Schon kleine Gewohnheiten helfen dabei, Lebensmittel länger zu nutzen:
- Lebensmittel richtig lagern, damit sie möglichst lange frisch bleiben.
- Überschüsse rechtzeitig einfrieren, statt sie verderben zu lassen
- Kräuter, Obst oder Gemüse haltbar machen, zum Beispiel durch Trocknen oder Einfrieren.
- Lebensmittel vor dem Wegwerfen bewusst prüfen, also ansehen, riechen und vorsichtig probieren.
Das Mindesthaltbarkeitsdatum wird heute häufig als Wegwerfdatum verstanden, obwohl viele Lebensmittel noch bedenkenlos darüber hinaus genießbar sind.
Lebensmittel hatten einen besonderen Wert
So war es früher
Lebensmittel hatten früher einen hohen Stellenwert. Hinter jedem Brot, jeder Kartoffel und jedem Glas eingemachter Früchte steckten Zeit, Arbeit und wertvolle Ressourcen. Entsprechend sorgsam wurde mit ihnen umgegangen. Nicht aus Umweltbewusstsein, sondern weil sie zu schade zum Wegwerfen waren.
Was hat sich verändert?
Mit steigendem Wohlstand und einem nahezu unbegrenzten Lebensmittelangebot wurden Essen und Einkaufen einfacher denn je. Gleichzeitig geriet leicht aus dem Blick, wie viel Arbeit, Energie und natürliche Ressourcen in jedem einzelnen Lebensmittel stecken.
Wo stehen wir heute?
Deshalb sprechen Fachleute heute wieder von Lebensmittelwertschätzung. Gemeint ist ein bewusster Umgang mit Lebensmitteln, vom Einkauf über die Lagerung bis zur vollständigen Verwertung. Denn wer Lebensmittel wertschätzt, schont nicht nur Ressourcen, sondern vermeidet auch Lebensmittelverschwendung.
Was können wir für heute übernehmen?
Es braucht keine Rückkehr zu den Lebensgewohnheiten früherer Zeiten. Oft reicht schon ein bewussterer Umgang mit dem, was täglich auf unseren Tellern liegt:
- Gemeinsam kochen und Kindern zeigen, wie Lebensmittel verarbeitet werden.
- Lebensmittel vollständig nutzen, statt vorschnell etwas wegzuwerfen.
- Saisonale und regionale Produkte bewusst auswählen.
- Lebensmittel als wertvolle Ressource betrachten – und nicht als selbstverständlich.
Fazit
Unsere Lebenswelt hat sich in den vergangenen Jahrzehnten grundlegend verändert und mit ihr auch unser Umgang mit Lebensmitteln. Viele Gewohnheiten früherer Generationen entstanden aus purer Notwendigkeit. Heute sind die Herausforderungen andere. Der Blick zurück zeigt: Viele der Empfehlungen, die heute für einen bewussten Umgang mit Lebensmitteln ausgesprochen werden, haben eine lange Tradition. Und es lohnt, sich hier auf das ein oder andere zurückzubesinnen. Nicht aus Nostalgie, sondern weil es uns dabei hilft, Lebensmittel wertzuschätzen, Ressourcen zu schonen und bewusster mit dem umzugehen, was täglich auf unseren Tellern landet.
Quellen & weiterführende Links:
https://www.leo-bw.de/web/guest/themenmodul/alltagskultur-im-suedwesten/essen/vorratshaltung
https://www.umweltbundesamt.de/themen/abfall-ressourcen/abfallwirtschaft/abfallvermeidung/lebensmittelabfaelle
Startseite – Viel zu viele Lebensmittel werfen wir weg. Du kannst das ändern.
https://www.bzfe.de/essen-und-zukunft/essen-im-wandel/lebensmittelverschwendung-darum-betrifft-es-uns
FoodWasteAndInconsistency.pdf
https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/32202/entstehung-und-wandel-des-welternaehrungssystems-im-20-jahrhundert