Einleitung
Verantwortung lernen durch Bildung für nachhaltige Entwicklung

Frau PD Dr. Gudrun Spahn-Skrotzki ist Privatdozentin an der Universität Kassel und Expertin für Klima- und Biodiversitätsbildung. In ihrem Online-Seminar „Verantwortung übernehmen & planetare Gesundheitskompetenz stärken – Bildung für nachhaltige Entwicklung als Aufgabe der ganzen Schulfamilie“, gehalten im Rahmen von Gesunde Erde. Gesunde Kinder., zeigte sie, warum Klimabildung heute eine zentrale Aufgabe von Schulen ist.
Im Mittelpunkt ihres Vortrags stand die Frage, wie Bildungseinrichtungen Kinder und Jugendliche dabei unterstützen können, Verantwortung für Umwelt, Gesellschaft und zukünftige Generationen zu übernehmen. Dabei geht es nicht nur um Wissensvermittlung, sondern auch darum, nachhaltiges Handeln im Schulalltag erlebbar zu machen.
In unserem Format „Kurzinterviews mit Expert/-innen“ greifen wir zentrale Impulse aus dem Vortrag auf und vertiefen sie mit Blick auf unser aktuelles Quartalsthema „Verantwortung übernehmen“ und die Herausforderungen im Bildungsalltag:
- Warum ist Klimabildung heute so wichtig für Schulen?
- Was bedeutet der sogenannte Whole School Approach konkret für Bildungseinrichtungen?
- Und wie können Kinder und Jugendliche erleben, dass ihr eigenes Handeln etwas bewirken kann?
Klimabildung mit Wirkung
Warum Verantwortung heute ein zentrales Bildungsthema ist
Frage 1:
Frau Dr. Spahn-Skrotzki, Sie beschäftigen sich intensiv mit Klima- und Biodiversitätsbildung. Warum ist es aus Ihrer Sicht so wichtig, dass Schulen diese Themen stärker in den Mittelpunkt rücken?
Antwort:
Es ist sehr wichtig, dass Schulen diese Themen in den Mittelpunkt rücken, weil sie absolut drängend und zukunftsentscheidend sind. Wenn wir so weitermachen wie bisher, steuern wir in eine Klima- und Biodiversitätskatastrophe, die die Lebensbedingungen für uns Menschen auf der Erde, insbesondere die der jungen Menschen, absolut verschlechtern wird und die sogar die Existenz menschlichen Lebens insgesamt auf der Erde gefährdet. Man muss das einfach auch mal so deutlich benennen, damit die Relevanz klar wird. Es geht nicht einfach um ein Thema, das man behandeln kann oder auch nicht, sondern es geht um ein absolut existentielles Thema. Das wird leider immer noch von viel zu wenig Menschen gewusst, bzw. zur Kenntnis genommen.
Wir brauchen dringend eine Transformation zu viel mehr Nachhaltigkeit, weniger Konsum, nachhaltiger Ernährung, nachhaltiger Mobilität, neuen Wohnkonzepten, Besteuerung klimaschädlichen Verhaltens – Bildung ist ein Schlüssel für Veränderung. Schulen können bei jungen Menschen Akzeptanz für nötige und tiefgreifende Klimaschutzmaßnahmen erzielen und sie können junge Menschen befähigen, an einer grundlegenden Transformation unserer Gesellschaft mitzuwirken. Schulen haben darüber hinaus eine hohe Multiplikationswirkung auch in die Familien der Schüler/-innen hinein.
Schule als Lernort für Nachhaltigkeit
Was der Whole School Approach bedeutet
Frage 2:
In Ihrem Vortrag sprechen Sie über den sogenannten Whole School Approach, also darüber, dass Nachhaltigkeit nicht nur im Unterricht, sondern im gesamten Schulalltag sichtbar werden sollte. Was bedeutet dieses Konzept konkret für Schulen?
Antwort:
Meiner Ansicht nach ist der „Whole School Approach“ die wichtigste Grundlage für gute Klima- und Biodiversitätsbildung. Klima- und Biodiversitätsschutz sollte vorgelebt werden. Wir wissen alle, wie wichtig das „Lernen am Modell“ ist. Der „Whole School Approach“ bedeutet zusammengefasst, dass Schulen das, was sie lehren und im Unterricht thematisieren, auch selbst leben. Kinder und Jugendliche können so in einen nachhaltigen Lebensstil hineinwachsen, ihn als ganz selbstverständlich erleben. Wenn Schulen das, was sie eigentlich vermitteln wollen, z.B. Klimaschutz, nicht selbst leben, wirkt das sehr kontraproduktiv. Wenn ich z.B. im Biologieunterricht etwas zu nachhaltiger und klimafreundlicher (und gesunder) Ernährung mache, die Schüler/-innen dann aber in der Schulmensa jeden Mittag Fleisch aus industrieller Massentierhaltung vorgesetzt bekommen, wirkt das absolut gegenläufig. Schüler/-innen stellen sich dann doch naheliegenderweise die Frage, warum sie ihren Ernährungsstil umstellen sollten, wenn die Schule es nicht selbst tut. Oder warum sollten sie auf Flugreisen verzichten, wenn auch auf Klassenfahrten geflogen wird. Oder warum sollten sie Plastik reduzieren, wenn die Schule Berge an Plastikmüll z. B. durch Einwegbecher produziert etc.
Der „Whole School Approach“ betrifft viele Bereiche des Schullebens. In dem Buch „So gelingt Klimabildung – Wege zur zukunftsfähigen Schule“ habe ich eine Liste aufgeführt, wo man in Schulen überall etwas verändern und Klima- und Biodiversitätsschutz vorleben kann, den Schüler/-innen dann direkt mitleben können. Es gibt wirklich richtig viele Möglichkeiten, was man tun kann, und wo Schulen etwas verändern können.
Ich plädiere aber dafür, vor allem auch die Bereiche in den Blick zu nehmen, in denen besonders viele Emissionen anfallen. Das sind neben der klimafreundlichen Gebäudesanierung vor allem die Ernährung und die Mobilität. So bietet eine Umstellung der Mensa auf überwiegend vegetarisch-vegan – auch im Sinne der Planetary Health Diet – den Schüler/-innen nicht nur gesundes Essen, sondern spart wirklich viele Emissionen ein, ebenso wie der Verzicht auf Flugreisen bei Klassenfahrten und ein Umstieg auf nachhaltige Reiseformen.
Selbstwirksamkeit stärken
Wie Kinder und Jugendliche Verantwortung für die Zukunft übernehmen können
Frage 3:
Viele Kinder und Jugendliche nehmen die Klima- und Umweltkrisen als belastend wahr. Wie können Schulen ihnen dabei helfen, Verantwortung zu übernehmen und gleichzeitig Zuversicht und Handlungsmöglichkeiten zu entwickeln?
Antwort:
Wenn wir uns die Klima- und Biodiversitätsfakten anschauen, stellt man fest, dass sie schlimm sind und Klimaangst wirklich berechtigt ist. Wir steuern zunehmend in eine Klima- und Biodiversitätskatastrophe hinein und für viele Menschen weltweit ist sie schon jetzt existentiell bedrohlich. (Es gibt schon jetzt jedes Jahr ca. 23 Millionen Menschen, die aufgrund von Klimaereignissen aus ihrer Heimat flüchten müssen.) Natürlich macht das alles Angst.
Die wirksamste und beste Hilfe gegen Klimaangst wäre, wenn junge Menschen erleben könnten, dass politisch und gesellschaftlich alles, was möglich ist, getan wird, um Klimawandel und Artensterben Einhalt zu gebieten – bei uns und auch global.
Leider erleben sie laufend das Gegenteil: Sie sehen, dass nötige Entscheidungen für Klimaschutz immer wieder aufgeschoben werden und viel zu wenig passiert, Fakten verleugnet oder ausgeblendet werden und immer mehr Zeit für eigentlich dringend notwendige Veränderungen verstreicht.
Umso wichtiger ist es, dass Schüler/-innen wenigstens in der Schule erleben können, dass gehandelt wird und Klimaschutz ernstgenommen und gelebt wird. Das kann deutlich Angst verringern.
Darüber hinaus ist es wichtig, dass sie auch konkret in ihrem Leben erleben, dass man etwas tun kann, dass man der Situation nicht vollständig ausgeliefert ist, sondern selbst wichtige Maßnahmen zum Klimaschutz umsetzen kann. Es ist also wichtig, dass Schüler/-innen im Unterricht, aber auch in neuen Lehr-Lernformaten die Erfahrung machen können, dass sie selbst etwas bewirken können. Solche Selbstwirksamkeitserfahrungen sind sehr wichtig für eine resiliente Entwicklung für Schüler/-innen. Damit können sie lernen, Verantwortung zu übernehmen und gleichzeitig Zuversicht zu entwickeln, weil sie ja merken, dass sie etwas bewirken. Und tatsächlich kommt es ja beim Klimaschutz auf jedes 10tel Grad an. Man kann nicht resignieren und sagen, es ist zu spät, sondern es kommt darauf an, aktiv zu werden, im Kleinen und im Großen, nur so haben wir noch eine Chance, die gravierendsten Auswirkungen der Klimakrise abzumildern.