Klimapsychologie im Alltag
Einleitung
Der Geist ist willig, aber…
Wer kennt das nicht: Wir fassen hochmotiviert gute – nein, die allerbesten – Vorsätze, oft an Silvester oder an anderen „Jetzt-ändere-ich-etwas“-Tagen. Und dann scheitern wir im Alltag grandios. Das gilt auch und besonders für Vorsätze, nachhaltiger zu leben. Zwischen Job, Familie und Terminstress bleibt wenig Raum für klimafreundliche Entscheidungen.
Die Klimapsychologie – ein wachsender Forschungsbereich innerhalb der Umweltpsychologie – untersucht genau diese Diskrepanz: Warum sind nachhaltige Vorsätze so schwer umzusetzen, selbst wenn wir überzeugt sind, dass Klimaschutz wichtig ist? Ihre Erkenntnisse zeigen klar: Dieses Scheitern ist ganz normal. Es hat weniger mit fehlender Disziplin zu tun als vielmehr mit der Art, wie unser Gehirn Risiken bewertet, Belohnungen verarbeitet und Entscheidungen trifft.
In diesem Blogbeitrag erklärt Psychologin Nicole Steinkraus, welche psychologischen Mechanismen uns im Alltag ausbremsen und welche einfachen, realistischen Strategien helfen können, nachhaltige Vorsätze Schritt für Schritt umzusetzen.
Interview mit Psychologin Nicole Steinkraus

Nicole Steinkraus ist Psychologin mit Schwerpunkt Nachhaltigkeit. Hier erklärt sie, wie kleine, realistische Schritte Menschen helfen können, nachhaltige Entscheidungen langfristig im Alltag zu verankern.
Warum wir trotz guter Vorsätze im alten Trott bleiben
Frage 1:
Frau Steinkraus, viele Menschen wollen nachhaltiger leben, scheitern aber im Alltag. Welche psychologischen Mechanismen stecken dahinter und warum sind gute Vorsätze oft so kurzlebig?
Antwort:
Ein zentraler Grund ist, dass der Klimawandel für viele Menschen psychologisch weit weg wirkt – nach dem Motto: Naturkatastrophen passieren woanders oder vielleicht in ferner Zukunft. Diese psychologische Distanz macht es schwer, langfristige Umweltziele im hektischen Alltag zu priorisieren.
Gleichzeitig entsteht häufig eine Einstellungs-Verhaltens-Lücke: Wir wissen, wie wichtig Klimaschutz ist, handeln aber anders. Diese daraus entstehende kognitive Dissonanz fühlt sich unangenehm an, weshalb wir unsere Entscheidungen oft unbewusst rechtfertigen oder verdrängen. Menschen mit kognitiver Dissonanz neigen dazu, eher ihre Werte als ihr Verhalten anzupassen („Flugreisen sind nicht gut fürs Klima, aber gut für den interkulturellen Austausch!“), um nicht ständig an diesen unangenehmen Zwiespalt erinnert zu werden. Es ist also einfacher, die Meinung etwas abzuwandeln, als eine ganze Gewohnheit umzukrempeln – so entstehen keine neuen nachhaltigen Verhaltensweisen.
Außerdem verfügen viele Menschen zwar über Problemwissen (also das Wissen über den Klimawandel), aber Handlungswissen fehlt. Sie wissen, dass sich etwas ändern muss, aber nicht genau wie. Auch ein geringes Gefühl von Selbstwirksamkeit spielt hier eine Rolle: Wer glaubt, dass das eigene Verhalten „sowieso nichts bringt“, verliert schnell die Motivation, dranzubleiben.
Stress, Alltag, Autopilot: Warum wir in hektischen Momenten nicht nachhaltig handeln
Frage 2:
In Stress- oder Erschöpfungsmomenten fallen wir oft automatisch in alte Muster zurück. Was passiert da?
Antwort:
In Stresssituationen schaltet die Psyche in eine Art Alarmmodus. Das Gehirn versucht, Energie zu sparen, indem es weniger kognitive Ressourcen für komplexes Denken bereitstellt. Höhere Denkprozesse – etwa Abwägen, Planen oder Reflexion – funktionieren dann schlechter. Stattdessen greift das Gehirn auf automatisierte Verhaltensmuster zurück, weil diese schnell und verlässlich funktionieren. Genau deshalb fallen wir im hektischen Alltag in Routinen zurück, auch in solche, die nicht besonders nachhaltig sind.
Nachhaltige Veränderungen beginnen im Kleinen
Frage 3:
Viele Menschen fühlen sich vom Thema Klimaschutz überfordert. Welche kleinen, realistisch machbaren Schritte können helfen, damit nachhaltiges Verhalten nicht als zusätzliche Belastung erlebt wird?
Antwort:
Überforderung entsteht oft, weil Menschen glauben, „alles“ verändern zu müssen – und das sofort. Hilfreicher ist es, klein anzufangen. Ein erster Schritt kann sein, sich bewusst zu machen, was bereits gut läuft. Das stärkt die Selbstwirksamkeit und öffnet den Raum für weitere Veränderungen.
Hilfreich sind außerdem einfache Mikrostrategien wie die 2-Minuten-Regel: Kleine nachhaltige Handlungen sofort erledigen, solange sie nicht länger als zwei Minuten dauern. Auch Teilzeit-Routinen funktionieren gut: Zum Beispiel an vier Tagen pro Woche pflanzenbasiert essen statt jeden Tag. Solche kleinen Schritte bauen nach und nach stabile Routinen auf, ohne zusätzlichen Druck.
Wie aus einem guten Vorsatz eine feste Routine wird
Frage 4:
Welche Strategien aus der Psychologie helfen dabei, aus Vorsätzen echte Gewohnheiten zu entwickeln, die gut in den Alltag passen?
Antwort:
Wirksame Veränderung beginnt mit realistischen, kleinen Schritten. Ein Vorsatz wird zur neuen Routine, wenn er konkret formuliert, schriftlich festgehalten und mit einem realistischen Zeitrahmen versehen ist. Diese Form der Selbstverpflichtung erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass wir dranbleiben – aber nur, wenn sie nicht überambitioniert ist.
Hilfreich ist außerdem, „Ausnahmen“ einzuplanen. Wer zu streng mit sich ist, gibt schneller auf. Routinen entstehen durch Wiederholung und durch positive Erfahrungen. Kleine Erfolge sollten sichtbar gemacht, gefeiert und verinnerlicht werden.
Drei einfache Tipps für den Aufbau von neuen Routinen
1. „Wenn-dann“-Pläne nutzen
- Konkrete Umsetzungssituationen definieren, z. B. „Wenn ich montags einkaufen gehe, dann nehme ich immer die Stofftasche mit.“ Solche Handlungskopplungen machen neue Routinen im Alltag deutlich wahrscheinlicher.
2. Erinnerungen setzen
- Kleine Erinnerungshilfen wie ein Zettel an der Tür, eine App-Notiz oder ein Gegenstand (z. B. die Trinkflasche sichtbar neben der Tasche) unterstützen besonders am Anfang, bis die neue Gewohnheit automatisch abläuft.
3. Gewohnheiten an bestehende Abläufe anhängen
- Neue nachhaltige Routinen an bereits feste Handlungen koppeln – etwa „Nach dem Frühstück stelle ich die Brotdosen für den nächsten Tag bereit“ oder „Beim Kochen achte ich automatisch auf Resteverwertung“. Bekannte Abläufe dienen als Anker und erleichtern die Integration.
Was Eltern im Familienalltag brauchen, um nachhaltig handeln zu können
Frage 5:
Viele Eltern stehen unter großem Druck. Sie möchten ein gutes Vorbild sein und schaffen es im Trubel des Alltags trotzdem nicht immer. Welche besonderen Herausforderungen erleben Familien und was hilft ihnen wirklich weiter?
Antwort:
Familien jonglieren oft mit hohen Ansprüchen und prall gefüllten Terminkalendern. Viele Eltern haben das Gefühl, allem gerecht werden zu müssen. Gerade deshalb ist Entlastung wichtiger als Perfektion: Nachhaltige Veränderungen gelingen besser, wenn sie in kleinen, machbaren Schritten stattfinden – und wenn wir uns erlauben, nicht jeden Tag alles richtig zu machen.
Hilfreich ist es, nicht nur den Kleiderschrank, sondern auch den Kalender regelmäßig zu „entrümpeln“. Freiräume bringen neue Ideen hervor und öffnen den Blick für Alternativen – etwas, das im hektischen Alltag oft verloren geht. Denn nachhaltige Routinen brauchen Zeit, Aufmerksamkeit und mentale Kapazität. Werden sie einfach „on top“ zum ohnehin vollen Alltag dazu geschoben, überfordern sie eher, als dass sie entlasten.
Und schließlich lohnt es sich, bewusst Zeiten für Nichts tun einzuplanen. Diese Pausen sind notwendig, um durchzuatmen und über eigene Werte und Verhaltensweisen nachzudenken, um mit Klarheit zu entscheiden, wie ein nachhaltiger Familienalltag aussehen soll.
Wie sie ihrem Nachwuchs Klimawandel und Artenschutz kindgerecht erklären, lesen Sie hier.
Das Modell des umweltgerechten Handels
Soziale Normen beeinflussen unser Verhalten enorm: Menschen orientieren sich daran, was ihr näheres Umfeld denkt (subjektive Normen), was andere von ihnen erwarten (Soll-Normen) und was sie im Alltag bei anderen beobachten (Ist-Normen). Wenn die Mehrheit im Freundeskreis oder in der Nachbarschaft ein bestimmtes Verhalten zeigt, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass man selbst mitzieht.
Das Modell umweltgerechten Handelns (Matthies, 2005) zeigt, wie wichtig soziale Normen für die Entstehung einer Verhaltensintention sind. Erst wenn persönliche Überzeugungen, Kosten-Nutzen-Abwägung und soziale Normen zusammenwirken, wird neues Verhalten wahrscheinlicher. Deshalb ist es sinnvoll, das Umfeld bewusst einzubeziehen – z. B. durch gemeinsame Routinen, Challenges oder offene Gespräche darüber, was man schon tut und wo man Unterstützung braucht.
Mit dem eigenen Umfeld zusammen nachhaltiger leben – so klappt’s
Frage 6:
Inwiefern beeinflussen Normen, Freundeskreis oder Nachbarschaft das Gelingen oder Scheitern nachhaltiger Vorsätze? Wie können wir unser Umfeld nutzen, statt uns davon ausbremsen zu lassen?
Antwort:
Das Umfeld lässt sich am besten nutzen, indem man Veränderungen erst einmal sichtbar selbst vorlebt. Häufig wirkt das effektiver als jede Überzeugungsarbeit. Es lohnt sich, einzelne Verbündete zu suchen, es müssen nicht alle mitziehen. Schon eine einzige Person im Freundeskreis oder der Nachbarschaft kann helfen, neue Gewohnheiten zu stabilisieren – etwa durch gemeinsames Kochen, Tauschen, Reparieren oder bewussteren Konsum.
Gleichzeitig ist wichtig, sich nicht frustrieren zu lassen, wenn andere nicht sofort mitmachen. Es ist normal und auch völlig in Ordnung, dass manche Menschen Veränderungen kritisch begegnen oder gar nicht mitmachen möchten. Kleine eigene Fortschritte wahrzunehmen und wertzuschätzen hilft, dranzubleiben und sich nicht von skeptischen Rückmeldungen ausbremsen zu lassen. Indem man den Fokus auf das richtet, was möglich ist, statt auf das, was andere nicht tun, bleibt Veränderung leichter und nachhaltiger.
Drei schnelle Tipps zum Schluss
- Routinen langsam aufbauen und an bestehende Gewohnheiten koppeln: regelmäßige, einfache und gemeinsame Abläufe mit Verbündeten entlasten und sorgen für langfristige Veränderung.
- Selbstmitgefühl statt Perfektionismus: Ausnahmen sind okay. Veränderung gelingt besser, wenn man freundlich mit sich selbst bleibt.
- Klein anfangen und realistische Ziele setzen: lieber eine kleine Sache konsequent umsetzen als fünf große halbherzig. Kleine Schritte stärken unsere Selbstwirksamkeit!
Fazit
Kleine Veränderungen machen den Unterschied
Nachhaltiger leben scheitert oft nicht an mangelndem Willen, sondern an der psychologischen Realität des Alltags. Unser Interview mit Psychologin Nicole Steinkraus zeigt: Wer sich nicht überfordert, klein anfängt und realistische Routinen schafft, hat die besten Chancen, dauerhaft etwas zu verändern.
Quellen & weiterführende Links:
(Auswahl, basierend auf den Vorlesungsunterlagen „Psychologie des sozial-ökologischen Wandels“)
Bamberg, S., & Möser, G. (2006). Toward a broader theory of environmentally significant behavior. Journal of Environmental Psychology. (Modell mit persönlichen und sozialen Normen)
Bergquist, M., Nilsson, A., & Schultz, W. P. (2019). A meta-analysis of field-experiments using social norms to promote pro-environmental behaviors.
Brügger, A., Morton, T. A., & Dessai, S. (2015). Psychological responses to climate change. Nature Climate Change, 5, 550–554.
Clayton, S., & Karazsia, B. (2020). Climate anxiety: Psychological responses to climate change.
Finucane, M. L., et al. (2000). The affect heuristic in judgments of risks and benefits.
Lazarus, R. S., & Cohen, J. B. (1977). Stress and coping processes. (Grundlage des Stressmodells)
McDonald, R. I., Chai, H. Y., & Newell, B. R. (2015). Personal experience and the “psychological distance” of climate change. Journal of Environmental Psychology, 44, 109–117.
Wachinger, G., Renn, O., Begg, C., & Kuhlicke, C. (2013). The risk perception paradox. Risk Analysis, 33, 1049–1065.
Whitmarsh, L. (2008). Are flood victims more concerned about climate change than other people? Journal of Risk Research, 11, 351–374.
Matthies, E. (2005). Wie können PsychologInnen ihr Wissen besser an die PraktikerIn bringen? Vorschlag eines neuen integrativen Einflussschemas umweltbewussten Alltagshandelns. Umweltpsychologie, 9, 62–81.